Auf Hohenfelde

Sie lehnte sich gemütlich zurück und lies den schlanken Körper in dem opulenten Ledersessel versinken. Zwischen Daumen und Zeigefinger schwenkte sie einen Weinkelch, während im Kamin ein wärmendes Feuer behaglich knisterte.

Kalt war es gelegentlich noch dieser Tage, auch wenn der gefürchtete Nachtfrost mittlerweile ausblieb, der dafür gesorgt hatte, dass die Aussaat in diesem Jahr erst spät ausgebracht worden war. Draußen hatte es zu regnen begonnen, kurz nachdem der kleine Trupp aus Paladinen, Priestern und ihren Getreuen losgezogen war, um von Hohenfelde aus seinen weiteren Weg in den Dämmerwald zu bestreiten, und die Herrin über die letzte noch standhafte Länderei in dieser Region hatte sich in die Bibliothek ihrer Burg zurückgezogen.


Ihre Burg. Keine riesige Bastion mit zahlreichen Türmen und Wehrgängen, auf denen mehrere hundert Mann Platz fanden, sondern lediglich ein einsamer Bergfried mit Ställen, einer kaum noch besetzten Kaserne und den üblichen Nebengelassen, umgeben von einer schmucklosen Mauer.

Doch hier im Süden Westfalls, wo die Feinde für gewöhnlich aus Gnollen und Banditen bestanden, glich sie einem uneinnehmbaren Bollwerk und war der Grund, weshalb die Baronie Hohenfelde noch immer wacker ihren Platz auf den Karten Westfalls hielt. Jedenfalls dem Rechte nach.


Was ihre Gäste bei ihrer Anreise von Norden gesehen hatten, war der noch unversehrte Teil des Landes: Von Milizen patrouillierte Wege, Felder mit ausgesätem Korn und Getreide, weidendes Vieh und das Dorf am Fuße des Hügels, auf dem die Burg thronte.

Weiter im Südwesten lagen jedoch die zerstörten Gebiete: Ausgebrannte Dörfer auf toter Erde, verwüstete Felder und Gnolle, die sich in den Trümmern nur allzu heimisch fühlten, nachdem sie unglückselige Bettler entweder vertrieben oder getötet hatten.


Als die Invasion über Westfall hereinbrach, hatte sie alles in ihrer Macht stehende getan, um ihre Bauern zu schützen. Doch die Brennende Legion hatte sich nicht beeindrucken lassen von ihrem kleinen Milizheer. Viele gute, tapfere Männer waren gefallen, als sie verzweifelt versuchten, Zeit für eine Evakuierung der Dörfer zu erkaufen, die der Legion auf ihrem unaufhaltsamen Strom zur Späherkuppe im Weg lagen.

Immer wieder hatte sie, die Baronin Amanda von Hohenfelde, Boten zur Späherkuppe und in die Hauptstadt entsandt. Letztlich war sie gar selbst gereist, hatte von der verheerenden Unterlegenheit von Milizen berichtet, die in schierer Verzweiflung versuchten, Teufelswachen aufzuhalten, von Höllenbestien, die allein durch ihre Anwesenheit ganze Dörfer in Brand steckten und nichts als totes Land zurückließen, von den Frauen und Kindern, die, wenn nicht durch die Legion, dann am Hunger starben.

Aber bitter hatte sie erkennen müssen, dass Sturmwind seiner Ignoranz treu blieb. Der Hofadel hatte sie in den vergangenen Jahren beim Umgang mit dem ganzen Dämmerwald und Westfall perfektioniert. Hohenfelde war da bloß eine kleine Fingerübung.


„Die Späherkuppe hat Priorität.“, hatte man ihr erklärt. Und „Unsere Armee ist an den wichtigsten Fronten gebunden. Wir können niemanden erübrigen.“

Die 'wichtigsten Fronten'. In diesem Zusammenhang bedeutete dies der Schutz der Ländereien der bei Hofe so beliebten und ewig hofierten Familien wie von Löwenstein oder von Schärf. Und selbstverständlich auch der Späherkuppe, denn obgleich Westfalls Süden de jure nach wie vor zum Königreich gehörte, galten de facto die Menschen dort alle als Bettler und Banditen und waren nicht schützenswert.


„Mylady?“, holte eine Stimme sie aus ihren Gedanken.


Die Baronin blickte von den Flammen des Kaminfeuers zu dem schlanken Mann mit graumeliertem Haar und einem hageren Gesicht auf. „Ja, Johann.“


„Die Pferde der Gäste wurden für die heutige Nacht in den Stallungen der Burg untergebracht, Mylady. Ich habe mir erlaubt, die Nordkoppel vorbereiten zu lassen. Ab morgen werden sie für den Tag auf die Weide gebracht.“, berichtete Johann mit der ruhigen und besonnenen Höflichkeit eines Leibdieners. „Sir Caverios ließ vor Aufbruch noch einmal seinen verbindlichsten Dank für Eure Gastfreundschaft bekunden.“


Amanda nahm einen Schluck von dem süßen, roten Wein, ehe sie sich noch ein wenig tiefer in den Sessel schmiegte, den rechten Arm auf die stattliche Lehne gelegt, über deren Rand sie wieder locker den Kelch zwischen den Fingern schwenkte.

„Was für eine Verschwendung.“, sprach die Baronin mit ihrer samtweichen Stimme, in der Spott und Verführung stets so nah beieinander lagen.


„Wie meinen Mylady?“ Der Leibdiener mühte sich vergeblich, dem Gedankensprung zu folgen.


„Männer der Kirche, Johann.“ Die Baronin ließ den Satz für einen Moment so stehen, als sprächen die Worte für sich selbst, ehe sie schließlich mit einem süffisanten Lächeln fortfuhr. „Sie reden zu viel und tun zu wenig. Über alles sind sie sich uneins. Sogar an meiner Tafel waren sie sich nicht einig, ob es höflich sei, sich in Zurückhaltung zu üben, um den Bauern nicht ihr Brot zu nehmen oder zuzulangen, um die Gastgeberin nicht zu beleidigen.“


„Demnach nehmen Mylady nicht an, dass die in Aussicht gestellte Unterstützung tatsächlich geleistet werden wird?“


Die Baron hob die Mundwinkel zu einem leicht belustigten, wie auch leicht spöttischen Lächeln „Sie werden Hohenfelde spätestens hinter der Grenze zum Dämmerwald schon wieder vergessen haben.“ Sie nahm noch einen Schluck aus dem Kelch, ehe sie ihn auf dem runden, hölzernen Tisch abstellte und sich in dem Sessel aufrichtete. „Für uns gibt es jedoch keinen Grund für Untätigkeit. Johann, lass nach einem Boten schicken. Es wird Zeit, unseren Freund in Kenntnis zu setzen. Wenn er klug ist, wird er sich diese Gelegenheit nicht nehmen lassen.“