Im Auge des Sturms


Prolog

Ihr – seid – tot! So – wie – ich!

Wie eine Klinge schnitt die Stimme in ihr Bewusstsein und unwillkürlich lief ein eisiger Schauer über den Rücken der jungen Paladin. Sie riss ihren Blick zum Himmel auf und sah wie die glühenden Hufe auf sie zudonnerten und obwohl sie keinerlei Berührung mit dem Boden hatten, dröhnte das Hufgetrappel ohrenbetäubend. Leodera warf sich auf den Boden, keine Sekunde zu früh, als die von Flammen umzüngelten Hufe des finsteren Reiters über sie hinweg dröhnten und sie selbst durch die Rüstung noch die Hitze spüren konnte, die von ihnen ausgingen.

Sie hob den Kopf wieder, blieb aber am Boden. Das Schwert fest umklammert, kroch sie auf eine nahe Steinformation zu. Deckung suchen. Gedanken sammeln. Ruhe bewahren. Mit keuchendem Atem erreichte sie die Ansammlung von riesigen Findlingen und drängte sich mit dem Rücken dagegen, während gehetzte Blicke den Himmel absuchten nach der finsteren, berittenen Gestalt mit einem Schwert, dessen Klinge aus purem Feuer bestand, dessen Gesicht hinter einer finsteren Maske verborgen lag, aus der nur das zornrote Glühen der Augen hervorstach. Eine Gestalt, die auf einem Ross ritt, rasend schnell, nicht an die Gesetze der Natur gebunden und ebenso furchterregend wie sein Reiter, mit glühenden Hufen, feurigen Augen und Rauch, der aus seinen Nüstern quoll, alles umhüllt von einem Mantel aus Schatten, der es unmöglich machte, das Wesen auch nur anzusehen, einen Zwang, den Blick abzuwenden, als würde man es zwar aus dem Augenwinkel wahrnehmen können, aber niemals im Fokus.


Ihr Heiliges Licht hatte versagt. Leodera hatte der Kreatur alles entgegengeworfen, was mit der Kraft des Glaubens möglich war. Richturteil um Richturteil und Lichtblitz um Lichtblitz hatte sie der Kreatur entgegengeschleudert, doch jegliche Magie wurde förmlich von den Schatten, die den Reiter umgaben, verschlungen. Er hatte mit ihr gespielt. Sie sich verausgaben lassen und nun war sie erschöpft, chancenlos, völlig allein.


Der Himmel war leer. Nirgendwo eine Spur von dem Reiter. Leodera versuchte im Schutz der Steine zu Atem zu kommen. Sie sah sich um, suchte nach einem Ausweg. Und fand ihn. Ein enger Pfad in den Wald und herunter von der Lichtung, umgeben von Sträuchern, verwachsen genug, um vor Blicken zu schützen und vielleicht sogar eng genug, dass der Reiter ihr nicht folgen konnte.

Wenn es eine Rettung gab, dann lag sie dort. Noch ein letzter Blick über den Himmel. Kein Reiter zu sehen. Ein letzter Atemzug. Nur zwanzig, vielleicht dreißig Meter trennten sie vom Ziel. Sie umfasste ihr Schwert fester, zwang sich auf die Beine und...


Grüne Flammen schossen aus dem Boden, umringten die Paladin, schlossen sie in wild züngelndem, verzehrenden Feuer ein. Leodera kreischte, als Haut und Haare Feuer fingen, die Rüstung an ihrem Leibe zur Todesfalle wurde, als Metall, Stoff und Haut miteinander verschmorten. Und während die Flammen sie verschlangen, sah sie mit letztem Blick den Reiter aus dem Himmel hinabstoßen, die flammende Klinge triumphierend erhoben. Und sie hörte wieder die kalte metallen flüsternde Stimme: Ihr – seid – tot! So – wie – ich!


Mit einem lauten Schrei schreckte sie von ihrem Nachtlager hoch und riss die Augen auf. Sie schnappte nach Luft und blickte sich panisch um. Intuitiv tastete sie bereits nach ihrem Schwert. Leoderas Körper war schweißnass und das Unterzeug klebte an ihrem Körper. Sie schwang die Beine über den Rand der Liege und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, strich dabei die feuchten Strähnen fort, die an ihrer Wange klebten.

Langsam kehrte der Atem zurück und sie realisierte wo sie war. Sie lebte. Es war bloß ein Traum gewesen. Sie saß auf der Liege in ihrem Zelt im Holzfällerlager des Osttals, wo der Orden der Klingen Tyrs gemeinsam mit einigen befreundeten Streitern das Nachtlager bezogen hatte und sie wie auch einige andere sich von ihren Verletzungen erholten, die sie bei dem verheerenden Kampf auf der Insel des Steinhügelsees davongetragen hatten.

Statt zu ihrem Schwert, griff die junge Paladin nun zu ihrem Trinkschlauch, nahm einen tiefen Schluck vom in dieser viel zu warmen Sommernacht fast lauwarm gewordenen Wasser und stützte den Kopf erschöpft in die Hände.


Dieser Kampf auf der Insel, der war leider kein Traum gewesen.


Kapitel I - Die Rattenmenschen

 

Begonnen hatte alles mit dem Brief eines besorgten Bürgers. James Rosenblatt, ein Kräuterhändler aus dem Holzfällerlager hatte sich hilfesuchend an die Kirche gewandt, nachdem er der Ansicht war, von dem Wachoffizier vor Ort im Stich gelassen worden zu sein.

Er berichtete von seltsamen Kuttenträgern, die im Osten Elwynns durch die Wälder schlichen, nur bei Nacht hervorkamen verantwortlich wären für groteske Rituale, in denen zunächst Tiere, später dann gar Menschen geopfert worden sein sollten. Rattenmenschen, so würden sie von den Bewohnern des östlichen Elwynns bereits genannt, wegen ihrer seltsamen Kutten und der Angewohnheit, nur bei Nacht tätig zu sein.

Der Orden der Klingen Tyrs, darunter auch Leodera, hatten sich dieser Sache angenommen und sahen die Worte des Herrn Rosenblatt bestätigt. Schlimmer noch, alles machte zunächst den Anschein, als sei Rosenblatts Vorwurf korrekt und der Offizier Riven von der Elwynner Wache tatsächlich in die Angelegenheit oder zumindest in ihre Verschleierung verwickelt.


Schließlich überschlugen sich jedoch die Ereignisse und bei einem ersten Besuch im Holzfällerlager, wo sich der Orden mit James Rosenblatt treffen wollte, um weitere Details zu erfahren, verschwand zunächst sein Bruder, dann er selbst spurlos. Nur ganz knapp konnte James aus den Fängen der Kultisten befreit werden, deren nächstes Ritualopfer er selbst hatte werden sollen. Für seinen Bruder jedoch war jede Hilfe zu spät gekommen.


Nach dem darauf folgenden Kampf mit den Kultisten hatte es zunächst so ausgesehen, als hätte man sich eines Großteils der 'Rattenmenschen' entledigt und die Gefahr größtenteils gebannt.

Doch der Irrtum und das Unterschätzen der wahren Größe des Kultes hätte nicht größer sein können.


Aus Sicherheitsgründen wurden der verletzte und stark traumatisierte James Rosenblatt zusammen mit seiner Frau Mirandra nach Sturmwind verbracht, wo er sich in der Obhut des Ordens erst einmal erholen konnte. Tiefes Mitgefühl hatte Leodera für den geschundenen und verstümmelten Mann empfunden, der nicht nur seine Hand, sondern auch seinen einzigen Bruder an diese elendige Rotte der Kultisten verloren hatte. Und sie dankte dem Licht dafür, dass ihm zumindest eine liebende Ehefrau geblieben war, die Tag und Nacht an seinem Bett verweilte, bis sich sein Zustand wieder langsam besserte.


Als James dann nach einigen Tagen der Schweigsamkeit und Apathie nach guter Pflege und Seelsorge durch Pater Veritatis wieder zu sprechen begann, berichtete er von dem, was er während seiner Gefangenschaft bei den Kultisten in Erfahrung bringen konnte. Er erzählte von einem geplanten, aufwendigen Ritual, welches auf der Insel in der Mitte des Steinhügelsees abgehalten werden solle; ein großes Ereignis zur Mitternachtsstunde von Montag, dem vierten Tage des siebten Monats, auf den darauffolgenden Dienstag, auf das sich der gesamte Kult bereits seit Wochen vorbereite. Sämtliche der Rattenmenschen würden dort sein. Eine Chance sie alle zu erwischen und ihre finsteren Pläne ein für allemal zu vereiteln.


Eilig hatte der Orden darauf nach Unterstützung gesucht. So, wie es Rosenblatt beschrieben hatte, würden sie die Hilfe von Magiern und erfahrenen Spähern und weiteren Kämpfern benötigen. Und selbst dann würde es ob der immensen Überzahl der Kultisten noch eng werden, gleichwohl sie bloß über schlechte Bewaffnung und keine Rüstung verfügten. Doch was ihnen an Kampferfahrung fehlte, würden sie durch ihre große Anzahl und einige Schattenwirker in ihren Reihen gewiss wieder ausgleichen.


Kapitel II - Aufbruch

 

Sir Caverios hatte Freunde des Ordens, Magier und ihm bekannte Paladine um Hilfe ersucht und Kommandant Arcados einige Söldner für die Aktion gewinnen können, sodass sich schließlich am Morgen des dritten Tages des Monats Juli eine durchaus ansehnliche Gruppe von Streitern mit den verschiedensten Fähigkeiten und Spezialisierungen vor den Toren der Stadt Sturmwind einfand, um den Ritt zum Holzfällerlager anzutreten.


Leodera war unter ihnen gewesen. Sie war angespannt, als sie durch die Reihen der Anwesenden blickte und die Anspannung wurde noch gesteigert, als Sir Caverios verkündete, dass sie in Fällen seiner Verhinderung die Verantwortung für den Einsatz trage. Sie verkrampfte sich im Sattel ob dieser Bürde. Wieso ausgerechnet sie? Es waren reihenweise dienstältere und gewiss auch weisere und mächtigere Paladine anwesend. Wie konnte die Dreiundzwanzigjährige es auch nur wagen, ihnen Anweisungen zu geben? Warum war Lady Astaria nicht hier? Ihr lag es wesentlich mehr, sich durchzusetzen. Nur allzu gern hätte Leodera mit Lady Astaria die Pflichten getauscht und sich für die Zeit des Einsatzes um ihren Sohn William und den vor einigen Wochen überraschend erhaltenen Familienzuwachs der Arcados', das Findelkind Valerian, gekümmert. Doch nun war sie hier und Lady Astaria war es nicht.


Die blonde Paladin ließ den Blick über die Streiter schweifen. Einige kannte sie bereits aus früheren Begegnungen, hatte mit manchen gar schon Seite an Seite gekämpft. Die Ordensbrüder und -schwestern akzeptierten sie in ihrer Rolle. Miss Cadarn und die Carbens wussten sowieso, was sie zu tun hatten. Und alle anderen wirkten besonnen, ernst und auf das, was vor ihnen lag, fokussiert, sodass sich das Fehlen der Durchsetzungskraft einer Astaria Arcados vielleicht gar nicht bemerkbar machen würde.


Der Ritt verlief ereignislos. Ebenso die Ankunft im Lager der Holzfäller am Abend und das darauffolgende Errichten eines Nachtlagers. Viele Anweisungen waren tatsächlich nicht notwendig. Generell wurde nicht viel gesprochen. Jeder schien mit seinen eigenen Gedanken zu dem befasst, was am morgigen Tag vor ihnen liegen würde. Und Leodera erging es ebenso. Sie hegte gegen niemanden des bunt gemischten Trupps aus Paladinen, Magiern, Draenei und Söldnern irgendeine Form der Abneigung und doch schien es, als würden ihr einfach nicht die rechten Worte einfallen, um jemanden anzusprechen. Zumindest, was Themen betraf, die abseits des Einsatzes und der akuten Pflichten lagen.


Und so war sie froh, als Sir Caverios endlich die Gruppe zur Besprechung zusammenrief, um das weitere Vorgehen zu planen und sich sämtliche Mitstreiter um einen eilig herbeigeschafften kleinen Tisch versammelten, auf dem sich sowohl eine Karte des Waldes von Elwynn als auch eine Gebietskarte in kleinerem Maßstab vom Osten des Waldes befand. Wie Leodera erwartet hatte, wurde zunächst ihr das Wort erteilt. Die vergangenen Wochen hatte sie hier im Holzfällerlager verbracht, die Lage im Auge behalten und selbstständig, so gut es eben möglich war, versucht, weiteres über die Rattenmenschen und ihren Kult zu erfahren.


Die blonde Jungpaladin blickte einmal in die Runde und begann, den sich vorab zurechtgelegten Bericht abzugeben. Sie berichtete davon, wie sie weiter versucht hatte, mit Stellvertreter Riven, dem zuständigen Wachoffizier der Gegend, Kontakt aufzunehmen und wie sie stets bereits von den Soldaten am Tor abgewiesen wurde mit den Worten, ihr Kommandant sei nicht zu sprechen. Sie erzählte von ihren Bemühungen, bei der örtlichen Bevölkerung Hinweise auf den gegenwärtigen Aufenthaltsort der Kultisten zu erhalten, von ihren nächtlichen Patrouillen durch die Wälder und den elendigen Murlocs, die das Ufer des nahen Steinhügelsees bevölkerten und ihr die Suche erschwerten. Und schließlich erzählte sie von ihrer Beobachtung in einer der vergangenen Nächte, als sie einen dieser grauen Kuttenträger erblickte, wie er durch das Unterholz schlich, am östlichen Ufer des Sees entlang und sie ihn letztlich aus den Augen verlor, als er ein Boot bestieg und in Richtung der Insel in der Mitte des Sees ruderte.


Leodera erwähnte auch ihre Unsicherheit darüber, ob es wirklich die Insel war, die das Boot zum Ziel nahm oder ob der Mann am Ruder bloß die Insel umfuhr, um dann ungesehen wieder irgendwo im Norden an Land zu gehen. Doch diese Zweifel wurden von Sir Caverios schließlich beseitigt. „Dass die Insel der richtige Schluss ist, geht konform mit den Worten von James Rosenblatt.“, hatte der Paladin eingeworfen. „Er hatte während seiner Gefangenschaft ein Gespräch zwischen zwei Kultisten mitbekommen. Sie sprachen über ein großes Ritual und als Ort wurde das Denkmal der Heldenwache genannt; eben jenes Denkmal in der Mitte der Insel.“


Damit stand es also fest: Die Insel würde ihr Ziel sein. Doch dies barg einen großen taktischen Nachteil. Wie ungesehen dorthin kommen? Bei einer Überfahrt auf Booten wäre man höchst angreifbar und das Wasser bot keinerlei Deckung. Sogleich begannen die Anwesenden Überlegungen anzustellen, wie man diesem Problem begegnen solle.

„Wenn sie uns auf dem Wasser erblicken, können sie uns nach Belieben mit Pfeilen spicken.,“ gab Lady Leyandris zu bedenken. „Gibt es eine Engstelle oder Furt?“, fragte jemand. Und die Draenei überlegten, ob das Wasser womöglich seicht genug wäre, dass man den Weg zur Insel auf den Rücken ihrer Elekks bewältigen könne.

„Was ist mit den Kutten, die sie immer tragen?“, ergriff Leodera das Wort. „Wenn wir übersetzen, wird es dunkel sein und wenn wir uns aus billigem Leinen, von mir aus auch Kartoffelsäcken, robenartige Überwürfe nähen, dann sehen wir bei Nacht und von weitem aus, als wären wir bloß Kultanhänger, die ebenfalls dem Ritual folgen wollten.“


Diese Idee der Tarnung wurde ausführlich diskutiert und nicht jeder schien davon überzeugt, dass den schwer Gerüsteten unter ihnen, geschweige denn den Draenei diese Täuschung gelingen würde. Selbst bei Nacht nicht, im Boot sitzend und bei einer Entfernung von mehreren hundert Metern. Und Leodera musste einräumen, dass man Sicherheit darüber wohl erst dann erlangen würde, wenn es zu spät sein würde.

Und doch wurde der Vorschlag letztlich aus Mangel an Alternativen angenommen.


Magus Avery überlegte derweil, wie man die am Ufer befindlichen Murlocs davon abhalten könne, die Gruppe anzufallen, während sie die Boote zu Wasser lassen würde. Selbst wenn man sich von diesen Biestern entfernt hielt, bestand die Möglichkeit, dass sie durch die Anwesenheit der Streiter unruhig würden und mit ihrem Herumtoben den Kultisten eine Warnung wären. Die Lösung des Magus war sogleich einfach wie auch kurios. Ein großer Köder aus Fleisch sollte die Aufmerksamkeit der schuppigen, patschfüßigen Viecher in die entgegengesetzte Richtung lenken und sie solange beschäftigen, bis die Boote auf dem Wasser waren.


Zugleich sollten die Boote mit Hilfe der beiden Anwesenden Magier und der Novizin mit einem Unsichtbarkeitszauber belegt werden, sobald sie zur Überfahrt ansetzten, um ein problemloses Übersetzen zu gewährleisten.


Und so begannen die Vorbereitungen noch in den späten Abendstunden für Köder und Kutten. Nur Leodera selbst war es nicht vergönnt, in der Sicherheit des Lagers zu verweilen. Sie seufzte, als Sir Caverios sie anwies, zur Kammwacht zu reiten und noch einmal den Versuch zu unternehmen, Stellvertreter Riven zu einem Gespräch zu stellen.

Müde war sie ob des langen Ritts, dem bereits ebenfalls ein langer Ritt vorausgegangen war und ihre Beine schmerzten in den schweren Stiefeln, deren Gewicht sich anfühlte, als seien sie aus Blei. Wie gerne hätte sie widersprochen. Nutzlos, so dachte sie, würde dieses Unterfangen sein, war sie doch auch zuvor schon stets abgewiesen worden. Und wieso sollte Riven ihr ausgerechnet zu solch später Stunde noch Gehör schenken, wenn er es zu weit zivileren Stunden nicht getan hatte?


Sie sah sich für einen Moment um, suchte nach jemandem, der mit ihr reiten würde. Trotz des recht kurzen Weges machte die Paladin nicht den Fehler den nächtlichen Wald mit seinen Gefahren zu unterschätzen. Ihr Blick fiel auf Lady Leyandris, die von Sir Caverios als Begleitung vorgeschlagen worden war. „Ich fürchte, ich bin keine sonderlich gute Diplomatin.“, war ihre Erwiderung und Leodera glaubte, ihr anzusehen, dass sie ebenso gern wie sie selbst dieser Pflicht entgangen wäre. Und doch waren alle anderen mit ihren Aufgaben und Vorbereitungen beschäftigt, sodass Sir Caverios anmerkte, dass es um die Alternativen schlecht stand. „Ich lasse Euch nicht im Stich. Im Zweifel schaue ich einfach nur finster, während Ihr sprecht.“, waren schließlich ihre Worte, mit denen sie ihre Einwilligung kundtat und Leodera kam trotz der Erschöpfung nicht umhin, ein leichtes Schmunzeln erkennen zu lassen, ehe sie sich auf den Weg zu den Stallungen machte, um ihr Pferd zu satteln. Galgenhumor hatte Lady Leyandris jedenfalls.


Kapitel III - Eine unerwartete Wendung

Es war keine lange Strecke, die zwischen dem Lager der Holzfäller und dem hoch über den Baumwipfeln thronenden Turm der Kammwacht lag. Doch es war finster. Stockfinster. Und selbst im Fackelschein war es bloß den hellen Pflastersteinen des Weges zu verdanken, dass sie nicht vom Pfad abkamen. Nichts und niemand sonst schien zu dieser späten Stunde hier draußen zu sein. Das sanfte Wiegen der Blätter in einer leichten, nächtlichen Brise, das Aufsetzen der Hufe auf dem Weg und das gelegentliche, aber dennoch stets alarmierende Rascheln im Unterholz nachtaktiver Tiere waren die einzigen Geräusche, die die beiden Paladine vernahmen. Nur manchmal durchschnitt der charakteristische Laut eines Uhus oder das Krächzen eines Raben die Stille und gemahnte Leodera trotz ihrer Erschöpfung zu neuerlichen Wachsamkeit.

Die Mühen der vergangenen Tage, die nächtlichen Patrouillen durch die Wälder, die wenige Ruhe und die vielen Stunden zu Pferde forderten nun ihren Tribut. Der Körper der jungen Paladin fühlte sich so träge und mitgenommen an wie nach einer langen und erbarmungslosen Schlacht. Wie sehr sehnte sie sich nach einer Nacht voll Schlaf oder wenigstens einer ausgiebigen Meditation. Doch dies musste warten. Zumindest bis sie zurück im Lager waren.


Vor Leodera und Lady Leyandris erhob sich nun eine dunkle, massige Silhouette in den Nachthimmel, die sich vor dem wolkenverhangenen Himmel abzeichnete. Der Turm der Kammwacht mit seinen angrenzenden Garnisonsgebäuden und Nebengelassen, aus denen er wie ein Bergfried in die Höhe ragte.

Fackeln erhellten den Pfad, der vom Hauptweg hinauf zu den auf einer Anhöhe gelegenen Gebäuden führte. Sie ritten vorbei am Lagerhaus, der Rüstkammer und den Stallungen, die die Pferde der berittenen Patrouillen beherbergten, die von der Kammwacht aus stets im Rahmen ihrer bescheidenen Möglichkeiten versuchten, die Haupt- und Handelswege sicher zu halten. Mit meist mäßigem Erfolg.


Leodera ließ den Blick schweifen, während sie und Leyandris ihre Rösser im langsamen Schritt gen des zentralen Gebäudes der Kammwacht trotten ließen: Eines hohen, aus massivem Stein gebauten Turmes, behangen mit den Bannern Sturmwinds, sein Eingang gesäumt von zwei Wachposten in ihrem Nachtdienst.


Als sie die beiden Paladine erblickten, schien sich ihre Haltung gar noch ein wenig zu straffen und sie salutierten zackig zusammen mit dem obligatorischen Gruß: „Ehre dem König!“


Leodera erwiderte den Salut mit einem grüßenden Nicken. „Das Licht zum Gruße. Mein Name ist Leodera Weißensee und die Dame neben mir ist Lady Leyandris Lichtglanz. Wir sind Paladine der Kirche des Heiligen Lichts und wünschen Stellvertreter Tom Riven zu sprechen. Es geht um die Kultisten.“ Ernst und Nachdruck lagen in ihrer Stimme und machten klar, dass es sich weniger um eine Bitte, denn eine Aufforderung handelte.


Wenn die Soldaten ob dieses späten Besuchs und Gesprächsbegehrens überrascht waren, so verbargen sie es doch geschickt. „Er befindet sich oben auf dem Turm, Mylady. Geht hinein und dann die Stufen hinauf bis ganz nach oben.“, war die Antwort, gleichmütig und ein wenig träge, während sie die beiden Flügel der Tür öffneten und den Paladinen Einlass gewährten. Unter den Helmen der Männer war es unmöglich ihre Gesichter zu erkennen, aber Leodera glaubte, in der Stimme des Sprechenden dieselbe Erschöpfung zu erkennen, die auch ihre Glieder schmerzte und sie wie Blei erschienen ließ. Offenbar waren die vergangenen Tage für die Männer der Kammwacht ebenso strapazierend und kräftezehrend gewesen wie für sie selbst.


Die beiden Paladine betraten den Turm, in dessen Inneren sich neben einigen Waffenständern mit Schwertern, Piken, aber vor allem Armbrüsten sowie einiger hölzerner Kisten eine lange, gewundene Holztreppe befand, die sich in der Innenmauer des Turms bis weit nach oben wand.

Ein leises Stöhnen entfuhr Leodera bei dem Gedanken an den langen, bevorstehenden Anstieg und sie blickte zu Leyandris, die ihr ein mitleidiges Schmunzeln schenkte, ehe sie den Weg hinauf antraten.


Oben angekommen traten sie hinauf ins Freie, umgeben von den Zinnen des Turms. Eine frische Brise wehte hier und machte die schwüle, drückende Nachtluft beinah erträglich.

Mit dem Rücken zu ihnen gewandt, stand ein einzelner Mann auf dem Dach des Turms. Er trug die Rüstung eines Feldwebels der Sturmwinder Armee und wie im Wachdienst üblich schützte ein Helm sein Haupt. Die Hände hinter dem Rücken verschränkt stand er in aufrechter Haltung da, die darauf schließen ließ, dass er sein halbes Leben bei der Armee verbracht haben mochte.


Leodera stahl sich noch einen Moment, um wieder zu Atem zu kommen, ehe sie das Wort an den Feldwebel richtete, wenngleich sie sich sicher war, dass er sie längst bemerkt hatte. „Das Licht zum Gruße.“

Der Gerüstete drehte sich langsam zu ihnen um und aus dem Schlitz des Helmes blickten sie zwei kühle, blaue Augen an, deren Ausdruck nicht zu deuten war. Höflich neigte die Paladin ihr Haupt. „Wir sind seit einiger Zeit bemüht, ein Gespräch mit Stellvertreter Riven zu führen. Seid Ihr das?“ Ein Anflug von Bissigkeit schlich sich ungewollt in ihre Worte. Zwar wusste Leodera um die Wirkung, die es haben musste, wenn zwei Paladine im Wams der Silbernen Hand vollständig gerüstet und mitten in der Nacht ein Gespräch verlangten. Und doch hatte sie es in den vergangenen Tagen bereits zu wesentlich angenehmeren Zeiten versucht, vergebens.


Ein wenig sackten die Schultern des Mannes auf die Worte der Paladin herab, begleitet von einem leisen Schnaufen, bevor er wieder seine aufrechte und stramme Haltung annahm. Zackig führte er die Hand zu einem kurzen Salut an die Stirn. "Ehre dem König, Euer Hochwürden. Ganz recht. Feldwebel Tom Riven, Stellvertreter der Wache von Sturmwind, Abteilung von Marschall McCree. Ich hörte, dass Ihr nach mir gefragt habt. Was kann ich für Euch tun?" Langsam und ein wenig metallen kamen die Worte durch das Helmvisier, ehe er einige Schritte auf die beiden Damen zuging.


„Mein Name ist Leodera Weißensee und die Lady neben mir ist Leyandris Lichtglanz. Wir sind Paladine der Kirche des Heiligen Lichts. Wie Ihr wisst, habe ich Euch bereits einige Male versucht zu kontaktieren. Es geht dabei um die Kultisten, die seit einigen Wochen hier im Osten des Waldes ihre finsteren Rituale abhalten und die Bürger in Angst und Schrecken versetzen. Einige der Bewohner fühlen sich von der Wache im Stich gelassen, woraufhin sie sich an die Kirche wandten, da sogar Schattenwirker unter den Kultisten ausgemacht worden sein sollen.“, begann die Paladin ohne Umschweife. Ernst war ihre Miene, keinen Zweifel daran lassend, dass dies kein Freundschaftsbesuch war.


Doch völlig unbeeindruckt schienen die Worte den Feldwebel zu lassen. Musternd wanderte sein Blick an den beiden Damen auf und ab, ehe das graublaue Augenpaar durch das Helmvisier wieder Leodera fixierte und sie hätte schwören können, dass er in jenem Moment eine Augenbraue hochzog. "Verzeiht mir, M'Lady Weißensee. Aber wer soll das gewes'n sein? Ich weiß, dass es hier einige gibt, die aus 'ner Mücke einen Elefanten machen. Aber die Situation ist, wie ich es immer sage und sagen lasse, nich' so schlimm."


Ungläubig starrten die beiden Paladine den Soldaten an und Leodera spürte, wie eine unbändige Wut in ihr aufstieg. „Nicht so schlimm? Aus einer Mücke einen Elefanten?“ Waren die Worte zuvor bloß mit einer Spur von Bissigkeit unterlegt, so trieften sie nun davon. „Mit Verlaub, das ist die größte Untertreibung, die mir seit langem zu Ohren kam. Ich selbst wurde Zeuge von dem Ausmaß dieses Problems. Es sind nicht bloß Tiere, die von diesen Kultisten geopfert werden. Gewiss. Angefangen hat es mit ein paar Tauben, dann mal ein Hund oder eine Katze. Aber mittlerweile sind wir bei zahlreichen Menschenopfern.“, berichtete die Paladin weiter. „Das erste wurde in einer Jagdhütte auf Brackwall gefunden, dem Land des Sir Reovic von Finsterbach. Ein weiteres Opfer wurde in einer Scheune unweit von hier gefunden. Sie gehörte dem Bauern Rosenblatt. Das Opfer war er selbst. Seinem Bruder, den wir noch rechtzeitig retten konnten, wurde die Hand abgetrennt und auch er wäre durch diese elendige Brut geopfert worden, wären wir nicht rechtzeitig erschienen. Dies ist gewiss keine Bagatelle.", schmetterte sie Riven die Chronik des Grauens entgegen, das den Elwynnwald in den vergangenen Tagen heimgesucht hatte.


Und selbst Lady Leyandris, die sich während des Gesprächs überwiegend durch Schweigsamkeit auszeichnete, ließ hier ihre Stimme vernehmen, noch bevor der Gegenüber zu einer Erwiderung kam, wenngleich wesentlich ruhiger und besonnener als Leodera. „Diese Menschen standen unter eurem Schutz, Vertreter Riven. Sicher, ihr könnt nicht überall sein, doch was sagt ihr ihren Familien? Ihren Freunden? Was sagt ihr jenen, die tagtäglich in Angst verbringen? Sagt ihr ihnen...sie sollen 'nicht übertreiben'?“


Selbst durch das Helmvisier konnte die Paladin sehen, wie diese Worte bis ins Mark trafen. Das Mienenspiel des Soldaten, den sie auf etwa Mitte dreißig schätzte, blieb zwar verborgen, doch sah sie in seinen Augen den Schrecken und die Bestürzung, deren eiskalter Griff sich nun um den sonst so abgeklärten Feldwebel legte. Seine Schultern sackten herab und nichts war mehr von der anfänglich so strammen, disziplinierten Haltung zu sehen, als er um Fassung rang, kein Zweifel daran, dass das Wort eines Paladins nicht zu Übertreibungen gereichte. "Wovon...? Beim Licht...", stammelte er und schüttelte den Kopf knapp auf der Suche nach Worten. "Ich...hatte gehofft, dass sowas nich' passiert. Wann is' das alles geschehen? Und hatte das was mit dem Brand auf Daniel Rosenblatts Hof zu tun?"


Die beiden Paladine beobachteten den Wechsel von Emotionen in ihrem Gegenüber, sahen wie seine zwar nicht heile, aber immerhin erträgliche, vertraute Welt in sich zusammenfiel.

„Aufgrund einiger Hinweise aus der Bevölkerung und von nahen Angehörigen des Herrn Rosenblatt, gelang es uns den als vermisst geltenden Bauern in seiner eigenen Scheune aufzufinden. Tot. Sein Bruder verstümmelt neben ihm, während die Kultisten ein Ritual vorbereiteten, bei der der Verstümmelte ebenfalls geopfert werden sollte. Wir attackierten die Kultisten und konnten den noch lebenden Rosenblatt-Bruder retten. Allerdings versuchten die Kultisten während des Kampfes,
einige von uns in der Scheune einzusperren und setzten sie daraufhin in Brand. Dem Licht sei Dank kehrten einige von uns gerade vom Bauernhaus zurück, das sie durchsucht hatten, als dies geschah, sodass sie den eingeschlossenen rechtzeitig zu Hilfe kommen konnten.", berichtete Leodera noch immer mit einem Unterton des Vorwurfs in ihrer Stimme. Sollte sie dem Feldwebel, dem verantwortlichen Mann der Wache diese Unwissenheit wirklich abkaufen?


„So ist das also geschehen...“ Riven nickte langsam, als sich Teile eines Puzzles in seinem Geiste zusammenzufügen schienen. In einer hilflosen Geste hob er die Arme etwas und ließ sie sogleich wieder sacken „Beim Lichte... Dann wird es wohl doch immer schlimmer. M'Lady Weißensee, versucht, mich zu versteh'n. Ich hab' nur 'ne Handvoll Männer. Reich'n gerade für alle Wachposten, die ich besetzt halten muss. Ich hab' zwei Murloclager im Süden und Norden, die jeweils Probleme machen, die verdammten Gnolle, Banditen, Schmuggler, Wölfe und die ewigen Sorgen und Nöte der Holzfäller und Bauern hier. Da war'n die Rattenmenschen noch 'n verdammt kleines Problem. Was soll ich denn mach'n? Panik schür'n? Das können wir erst recht nich' gebrauchen, macht uns nur noch mehr Arbeit. Beschwichtig'n, die Sache geordnet angehen... Und die Rosenblatts? Verdammte Scheiße, die haben die Leute aufgewiegelt und die Rattenmenschen provoziert. Ich wusste ja nicht einmal, dass es Kultisten sind. Dachte, es wär'n ein paar Landstreicher und Obdachlose, die früher oder später sowieso den Wölfen zum Opfer fielen. Dennoch hatte ich zwei Jungs drauf angesetzt. Seit 'ner Woche nichts mehr gehört von ihnen.“


„Dann rechnet damit, dass Eure beiden Soldaten längst nicht mehr unter den Lebenden weilen.“, entgegnete Leodera ernst und eindringlicher, als sie es wollte, seufzte dann jedoch leise. Mehr und mehr schien ihr fraglich, dass dieser Mann etwas anderes sein sollte als schlicht überfordert. „Ich verstehe Eure Lage.“, fuhrt sie schließlich in versöhnlichem Ton fort. „Und auch den Mangel an Ressourcen, unter dem das Reich derzeit überall leidet. Aber die Lage stellt sich genau gegensätzlich dar. Die Murlocs sind seit langem ein Ärgernis. Aber ein verhältnismäßig kleines. Ihre Zahl scheint beständig zu bleiben und ihre Lager sind bekannt. Auf Wölfe kann man die örtlichen Jäger ansetzen. Aber Kultisten machen weitaus mehr Ärger. Wir gehen davon aus, dass dieser Kult diese Opferrituale nicht ohne Grund durchführt. Es scheint, als wollten sie die Gunst irgendeiner höheren Macht erlangen, um dann irgendeine mächtige Form der Zerstörung auf diese Welt loszulassen. Und wer weiß, wie weit ihr Vorhaben schon gediehen ist, wo sie nun so lange unbehelligt ihrem Tagwerk nachgehen konnten.“


„Unterschätzt die kleinen Biester nich', M'lady, und überlegt einmal, warum ihre Zahl so gleichbleibend ist.“, brummte Riven. „Wenn wir nich' wären, würden die sich weiterhin wie die Karnickel vermehren.“


„Ich fürchte, Ihr unterschätzt die Zahl der Kultisten,“ entgegnete die Paladin. „Ihre Zahl scheint so groß, dass ihnen die zehn, die sie in Rosenblatts Scheune verloren, gar nicht viel ausgemacht zu haben scheinen. Und nach dem, was den Rosenblatts zugestoßen ist, traut sich niemand mehr vor die Tür. Selbst die Holzfäller gehen nicht mehr allein in den Wald, sondern nur noch in Gruppen. Die Menschen hier leben in Angst. Und nach allem, was passiert ist, zu Recht. Die Rosenblatts haben nicht aufgewiegelt. Sie wollten, dass ihnen endlich jemand zuhört und etwas unternimmt. Sie hatten - zu Recht - Angst um ihr Leben. Wie kann es sein, dass Ihr von alledem nichts mitbekommen haben wollt?“ Verständnislosigkeit zeichnete die Miene der Paladin aus, die sonst völlig stoisch wirkte und kaum eine Regung zeigte, den Blick auf den Gegenüber fixiert, als wolle sie mit bloßen Augen in sein Inneres blicken, um zu schauen, ob sie eine Spur der Falschheit in ihm finden konnte.


„War zwei Wochen weg, Milady.“, antwortete Riven pflichtergeben und Leodera glaubte, die Bestürzung aus seiner Stimme zu hören. „Man verlangte nach mir in der Weststromgarnison. Dienstliche Pflichten und gleichzeitig mein Versuch, Verstärkung oder Ausrüstung zu bekommen. Ich hab' den Bericht meines Unteroffiziers noch nich' gelesen. Aber ich sag Euch eines: Als ich ging, war hier noch alles ruhig und friedlich. Bloß ein paar Diebstähle waren gemeldet worden. Sonst nichts. Und ich sag Euch noch was: Glaubt den Rosenblatts nich' alles, was sie sagen. Haben sich mit der Unterwelt eingelassen und spür'n jetzt die Konsequenzen. Dass ich James Rosenblatt für den Verkauf von Trollkraut hab züchtig'n lassen, haben se' sicherlich verschwiegen, mh? Und wie Ihr sagt, hatten ja offensichtlich auch die Kultisten an dem ein besonderes Interesse.“


„Sie hatten an ihm offenbar ein besonderes Interesse, weil er es war, der uns um Hilfe rief.“, widersprach Leodera. „Er schrieb uns einen Brief, indem er uns seine Sorgen mitteilte und auch, dass er sich von den örtlichen Wachen nicht ernstgenommen fühle. Und daraufhin verschwand erst sein Bruder und schließlich er selbst. Seine Hand haben die Kultisten ihm abgetrennt und sie mit einer Schreibfeder durchstochen hinten ans Sägewerk des Holzfällerlagers genagelt. Ihre perverse Art, zu zeigen, was mit jenen passiert, die versuchen, gegen sie vorzugehen. Vielleicht fing alles mal mit ein paar herumschleichenden Kuttenträgern an. Aber spätestens seit der Jagdhütte in Brackwall sind wir bei Ritualmord. Und es hört nicht auf.“


Riven lauschte ihren Worten, doch schüttelte er bereits das behelmte Haupt, noch ehe sie überhaupt geendet hatte. „M'Lady, Ich sag' Euch eines: Eine Woche, nachdem wir den Befehl erhielten, den Kräutergarten und die Bestände von Rosenblatt etwas zu stutzen, standen die an unserer Türschwelle und wollt'n dauernd Hilfe. Alle anderen Mensch'n wurden in Ruh' gelassen.“


„Was wollt Ihr damit andeuten? Welchen Zusammenhang sollte es zwischen den beiden Umständen geben? Würde James Rosenblatt mit den Rattenmenschen gemeinsame Sache machen, hätte er kaum uns um Hilfe gerufen. Und sie hätten wohl kaum seinen Bruder getötet und ihn opfern wollen.“


„Natürlich nich'.“, schnaubte der Feldwebel ironisch. „Wir hätt'n der Horde im letzten Krieg auch nich' die Kehle aufschlitz'n wollen, wenn sie uns in Nordend nich' zich mal in den Rücken gefallen wären.“, brummte er. „Partnerschaft'n enden auch mal unglücklich. Was glaubt Ihr denn? Wir hätt'n sie deswegen schon längst festgesetzt. Aber keine Beweise, nur das eine Indiz.“


Leodera blickte auf die Worte Rivens einige Augenblicke in die Ferne, über die Baumkronen der nahen Bäume hinweg, deren Silhouetten sich in der Dunkelheit gemächlich im Wind wiegten. War es möglich, was der Feldwebel annahm? Waren die Rosenblatts selbst einmal mit den Kultisten im Bunde? Sie erinnerte sich an die Jagdhütte in Brackwall, deren Wände mit einem seltsamen Zeug beschmiert waren. In einem Fass hatten sie schließlich die Flüssigkeit finden können. Sie bestand aus Wasser und Kräutern. Waren die Rosenblatts womöglich diejenigen, die die Kultisten mit Kräutern versorgt hatten? Und wenn ja, war es die Zerstörung der verbotenen Kräuter durch Rivens Männer, die dazu geführt hatte, dass die Rosenblatts ihren Teil der Abmachung nicht mehr einhalten konnten, sodass diese Partnerschaft, wie der Feldwebel vermutete, ein unglückliches Ende nahm?


„Glaubt Ihr, ich nehme diese Scheiße nicht ernst?“, rissen die Worte Feldwebels sie aus ihren Überlegungen. „Glaubt Ihr, ich würde den gesamten scheiß Wald nicht säubern, wenn ich könnte? Meint Ihr, Ich hätte noch nicht zich mal um Verstärkung ersucht? Die Antwort ist immer dieselbe: 'Wir haben nicht genug.' Das ist seit Jahren so. Lichtverdammt! Ich habe zwei Männer verloren! Gute Männer, tapfere Männer! Jetzt hab' ich noch weniger, als zuvor.“ Wieder hob er die Arme und ließ sie sogleich in einer hilflosen Geste wieder sacken. „Ich versuch', hier alles unter Kontrolle zu haben, das Volk ruhig zu halten. Aber es... es geht einfach nicht.“ Die Paladine konnten sehen, wie er bei den letzten Worten den Blick abwandte. Betrübt, hilflos, beschämt. Und so resigniert die Erkenntnis war, so aufrichtig schien sie Leodera auch.


Sie hatte nun keinen Zweifel mehr an der Ehrlichkeit des Mannes. Vor ihr, so war es ihre Überzeugung, stand ein Mann, der nicht nur unter Murlocs, Banditen und nun auch den Rattenmenschen litt, sondern nicht minder unter dem Umstand, dass Sturmwind für alles, für jede noch so kleine, weit entfernte Festung Ressourcen aufzubringen schien, doch nicht für den Schutz der eigenen Ländereien. Dass Adelsfamilien irgendwo im fernen Nordend irgendeinen vrykulverseuchten Acker zu domestizieren suchten, bloß um den wahren Problemen den Rücken zu kehren. Dass das Volk blutete für einen Krieg, den es sogar schließlich gewann, bloß um ohne jedwede Reparationszahlung oder Gebiets- und Ressourcengewinn und mit eingezogenem Schwanz aus der gefallenen Hauptstadt des ewigen Feindes abzuziehen, weil man in einem Anflug von grenzenloser Naivität glauben wollte, dass nun, mit einem Troll, anstelle eines Orcs an der Spitze des Feindes, alles besser würde.


Leodera blickte Riven mitfühlend an. Sie verstand nun.


„Wir werden uns der Kultisten annehmen.“, versprach sie mit ruhigem, besonnenen Tonfall. „Wenn Ihr weitere Informationen erlangt, so teilt sie uns bitte mit. Wir lagern derzeit im Holzfällerlager. Kümmert Euch derweil wie gehabt um die weiteren Probleme, sodass uns der Rücken freigehalten wird. Sobald wir zurück in Sturmwind sind, werden wir einige Gespräche führen mit dem Ziel, Euch Verstärkung zukommen zu lassen.“


„Mir würde schon etwas Ausrüstung genügen. Dann könnte ich wenigstens damit beginnen, eine Miliz auszuheben.“ Viel Hoffnung lag in diesen Worten nicht, aber dennoch war die Dankbarkeit, die ihnen innewohnte nicht geheuchelt.


Die beiden Paladine verabschiedeten sich schließlich und noch ehe sie die Stufen den Turm hinab erreichten, hatte sich Feldwebel Riven bereits wieder abgewandt und spähte wie zuvor in die Nacht, die Haltung aufrecht, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Und doch sah man ihm nun die schwere Last an, die so unerbittlich auf seinen Schultern lastete.


Kapitel IV - Das Ritual